Wie Raum und Einrichtung das Miteinander verbessern.

FLÖTOTTO - Wie Raum und Einrichtung das Miteinander verbessern.
Skizze Offene Lernfläche SEK I, Gesamtschule Gießen-Ost

Wie Raum und Einrichtung das Miteinander verbessern.


Dr. Frank Reuber, Schulleiter der Gesamtschule Gießen-Ost über trans­parente Klassenzimmer, flexible Lernlandschaften und die Auswirkungen moderner Schularchitektur auf das Lernen und Lehren.

Die Gesamtschule Gießen-Ost legt großen Wert auf eine individuelle Lernkultur des Forderns und Förderns. Was hat sich durch den Umzug in das neue Schulgebäude im Schulalltag geändert?

Die Lernenden betrachten den neuen Jahrgangsbereich als einen Lebensraum, in dem sie sich wohlfühlen und mit Freude lernen können. Unsere neugestalteten Jahrgangsebenen ermöglichen es uns, durch offene Räume und flexible Elemente Lernumgebungen zu schaffen, die sowohl kooperatives als auch individuelles Lernen unterstützen. Die flexible Raumgestaltung erlaubt zudem eine methodische Vielfalt und fördert einen selbstorganisierten und inklusiven Unter­richt. Diese räumliche Offenheit bietet uns die Möglichkeit, den Schulalltag dynamischer und anpassungsfähiger zu gestalten, was sich positiv auf das Wohlbefinden und die Lernfreude der Lernenden auswirkt.

Warum haben Sie auf Türen in den Klassenzimmern verzichtet?

Ein wesentliches Element an einer demokratischen Schule ist Transparenz. Lehrende und Lernende sollen einander sehen und hören können, was zu einem respektvollen Miteinander beiträgt. Die gelungene Akustik spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem der Schall gezielt gelenkt wird. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Offenheit den Austausch zwischen den Lehrkräften erleichtert und die Zusammenarbeit zwischen den Lernenden fördert. Das Fehlen von Türen sorgt dafür, dass eine natürliche Rücksichtnahme entsteht und der Lernraum als gemein­schaftlicher Raum wahrgenommen wird.

Wie helfen Ihnen die Architektur und die Inneneinrichtung, die Kinder begabungsgerechter zu fordern und zu fördern? Ihre Schule setzt ja auf Kurse mit verschiedenen Niveaustufen, die die Kinder individuell besuchen können.

Derzeit betreffen die neugestalteten Lernräume mit der offenen Lernlandschaft die Jahrgänge 5 und 6. Im Jahrgang 5 wird binnendifferenziert unterrichtet, während wir in der Jahrgangsstufe 6 auf zwei Niveaustufen (E und G) in den Hauptfächern Mathematik und Englisch differenzieren. Unser Unter­richt ist jedoch generell auf selbstorganisiertes Lernen ausgerichtet, und die Lernräume unter­stützen diese Form des Lernens in besonderer Weise. Die offenen und flexiblen Räu­me ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, selbstständig zu entscheiden, wie und wo sie lernen möchten, was wiederum ihre­ Eigenverantwortung und Motivation fördert.

Eine Besonderheit an den Lernräumen sind die offenen Marktflächen, um die herum die Klassenzimmer angeordnet sind. Wie nutzen Sie diese Flächen und wie profitieren die Kinder davon?

Die Raumaufteilung ermöglicht es uns, den Jahrgangsbereich in einen Kommunikations- und einen Stillarbeitsbereich zu unter­teilen. In der ILZ-Zeit (Individuelle Lernzeit) können die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, welcher Lernort sie am bes­ten unterstützt – sei es der kommunikative Austausch oder die stille Konzentration. Die offenen Klassenräume bieten sowohl Raum für Instruktion als auch für selbstständiges Arbeiten. Diese Flexibilität gibt den Kindern die Freiheit, je nach Lernbedürfnis den passenden Ort zu wählen und so ihren Lernprozess aktiv zu gestalten.

Nach zweieinhalb Jahren der Erprobung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Architektur und die Inneneinrichtung nicht nur die selbstständige Lernleistung unserer Schülerinnen und Schüler positiv beeinflusst, sondern auch das Wohlbefinden und die Moti­vation der Lehrkräfte deutlich gesteigert hat. Die offene und flexible Gestaltung fördert die Teamarbeit und die Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten. Die Lernlandschaften schaffen­­ eine Atmosphäre, die zum eigenverant­wort­lichen Lernen anregt und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Dies zeigt uns, dass wir mit der Gestaltung des Schulgebäudes und der Lernräume einen wichtigen Schritt in Richtung moderner und zukunftsfähiger Bildung gegangen sind.