Räume, die Haltung sichtbar machen

FLÖTOTTO - Räume, die Haltung sichtbar machen

Räume, die Haltung sichtbar machen.

Ein Gespräch mit Frederik Flötotto, CEO Flötotto Einrichtungssysteme GmbH.

Herr Flötotto, Sie betonen häufig, dass Möbel in Schulen nicht als Objekte, sondern als pädagogische Werkzeuge gedacht werden sollten. Wie wirkt sich diese Haltung auf den Umgang mit den verschiedenen pädagogischen Modellen aus?

Unsere Arbeit beginnt immer mit der Frage: Wie unterstützt der Raum das Lernen, das eine Schule ermöglichen möchte? Pädagogische Konzepte sind ja immer Haltungen – und der Raum übersetzt diese Haltungen in Handlungsräume. Deshalb analysieren wir, welches Verständnis von Kindheit, Lernen und Beziehung eine Schule hat und welche räumlichen Bedingungen sie dafür benötigt. Erst dann entwickeln wir Möbel- und Raumlösungen.

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Wie greifen Sie die Gedanken des Churer-Modells auf?

Das Churer-Modell betont Eigenverantwortung, Prozesssicht und unterschiedliche Rollen von Lernenden. Für uns bedeutet das: Räume müssen Übergänge sichtbar machen – vom Input im typischen Sitzkreis zum Arbeiten, vom Arbeiten zur Reflexion. Unsere Produkte bieten klar strukturierte, aber flexibel verschiebbare Zonen, die Lernprozesse unterstützen: Ruheinseln für Fokusphasen, offene Flächen für Austausch, mobile Elemente für Präsentationen. Ein wichtiger Gedanke des Churer-Modells ist die Transparenz von Lernwegen. Möbel wie unsere mobilen Regale, unsere ANY-Boards oder modulare Strukturen ermöglichen genau diese Sichtbarkeit: Lernstände, Ergebnisse und Materialien können im Raum „mitwandern“.

Montessori setzt stark auf Selbstständigkeit und vorbereitete Umgebungen. Was bedeutet das für Ihre Möbel? 

Montessori hat eine wunderbare Grundidee: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Dies bedeutet aus räumlicher Sicht: Kinder brauchen Zugriff, Wahlfreiheit, Übersicht. Deshalb entwickeln wir Möbel, die barrierefrei zugänglich sind, intuitiv funktionieren und auf kindgerechter Höhe Orientierung geben – beispielsweise mobile Ablagesysteme, leichte und mobile Tische und Stühle, modulare Regale. Unsere Produkte schaffen eine Umgebung, die Selbstständigkeit fördert, nicht behindert. Die Kinder entscheiden, wohin sie sich setzen, wie sie arbeiten, mit wem sie arbeiten. Wir schaffen den Rahmen, in dem diese Autonomie sicher und strukturiert möglich ist.

Waldorfpädagogik hat einen stark ästhetischen und rhythmischen Ansatz. 
Wie übersetzen Sie das räumlich?

Waldorf lebt von Atmosphäre, natürlicher Materialität, Harmonie und bewusst gestalteten Übergängen. Unsere Möbel und Lernraumkonzepte greifen diese Aspekte auf, indem sie warm wirken, klare Formen haben und Ruhe in den Raum bringen. Außerdem arbeiten wir gern mit natürlichen Materialien und Farben, die Sinnlichkeit ermöglichen, ohne zu überfrachten. Wichtig ist in Waldorfschulen auch Gemeinschaft: Der Kreis, das gemeinsame Arbeiten, das Erzählen. Unsere mobilen Möbel erlauben schnelle Transformationen – von ruhigen individuellen Arbeitszonen zu großen Kreissetzungen oder Bühnen-Situationen. Lernräume können damit sich selbst „atmen“.

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Der Jenaplan denkt Schule in Lebensformen wie Gespräch, Arbeit, Spiel und Feier. 
Wie unterstützt das Ihre Raumplanung?

Jenaplan-Schulen brauchen Räume, die multiperspektivisch nutzbar sind. Unterricht ist dort nicht linear, sondern rhythmisiert. Unsere Einrichtungslösungen schaffen genau diese Mehrfachnutzbarkeit: Möbel, die schnell und ohne Kraftaufwand umgebaut werden können, modulare Tische, variable Zonen, mobile Wände. Zentral ist im Jenaplan das Miteinander in sog. Stammgruppen. Dafür entwickeln wir Strukturen, die Nähe ermöglichen, ohne Enge zu erzeugen. Auch Präsentationsflächen und Orte für das gemeinsame Feiern oder Teilen haben ihren Platz – oft mit mobilen Podesten wie unsere BRIXX oder flexiblen Sitzlandschaften.

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Reggio-Pädagogik betrachtet den Raum selbst als aktives Lernmedium. 
Wie passt das zu Ihrer Arbeitsweise?

Reggio inspiriert uns sehr, weil dort der Raum zum Dialogpartner wird. Materialien werden sichtbar präsentiert, Licht wird bewusst eingesetzt, Atelier- und Werkbereiche haben eine große Bedeutung. Wir unterstützen diese Haltung mit Möbeln, die Offenheit ermöglichen: transparente Elemente, mobile Regale als Raumteiler, Werkstattbereiche, die neugierig machen. Gleichzeitig bieten wir robuste und zugleich ästhetische Oberflächen, weil Reggio vom „Material als Sprache“ lebt. Kinder sollen gestalten können – und der Raum macht das möglich.

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Herr Flötotto, Sie haben für Ihre eigene Laborschule das PRRITTI-Modell gewählt. 
Wie passt dieses Modell zu Ihrer Unternehmenshaltung?

Das PRRITTI-Modell ist für uns ein sehr passender Orientierungsrahmen, weil es pädagogische Qualität nicht abstrakt, sondern konkret und strukturiert beschreibt. Die sieben Dimensionen Praxis, Resonanz, Reflexion, Information, Transformation, Transfer und Innovation decken die zentralen Qualitäten zeitgemäßen Lernens ab – und damit auch die Anforderungen, die Räume erfüllen müssen. Für unsere Laborschule war entscheidend, dass PRRITTI die Verbindung zwischen Pädagogik, Didaktik und Raum explizit macht. Es zeigt: Wenn Lernen personalisiert, forschend, beziehungsorientiert und wirkungsorientiert sein soll, dann braucht es Lernräume, die diese Qualitäten ermöglichen. Genau hier kommen unsere Möbel und Konzepte ins Spiel: Sie sind variabel, intuitiv, strukturierend und so gestaltet, dass sie jede der PRRITTI-Dimensionen unterstützen können. In unserer Laborschule erleben wir täglich, wie unsere Produkte im Zusammenspiel mit diesem Modell funktionieren. Dieses Erfahrungswissen fließt direkt in die Weiterentwicklung unserer Lernraumkonzepte und Möbel ein.

Was bedeutet das für Flötotto als Unternehmen?

Dass wir uns selbst als lernende Organisation verstehen. Wenn wir Schulen begleiten wollen, die ihre Zukunft aktiv gestalten, müssen wir selbst in einem Prozess ständiger Reflexion und Weiterentwicklung stehen. Die Laborschule ist dafür unser Resonanzraum – und das PRRITTI-Modell unser Bezugsrahmen. Es zeigt uns immer wieder: Lernräume sind niemals fertig. Sie entwickeln sich – wie die Lernenden selbst – kontinuierlich weiter.

Über alle pädagogischen Ansätze hinweg: 
Was haben diese Schulen gemeinsam?

Alle wollen Lernräume, die nicht belehren, sondern befähigen. Räume, in denen Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeit erleben, Orientierung finden, sich sicher fühlen und ihre Neugier entfalten können. Wir sehen uns als Partner in diesem Prozess. Wir liefern nicht einfach Möbel – wir gestalten Orte, an denen pädagogische Haltungen sichtbar und erlebbar werden.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser Arbeit mit?

Dass Bildung immer ein kulturelles und menschliches Projekt ist. Jede Schule ist anders, jedes pädagogische Konzept einzigartig. Aber überall spüre ich die gleiche Sehnsucht: Räume zu schaffen, in denen das Lernen Sinn ergibt und Zukunft hervorbringen kann. Dazu möchten wir beitragen.

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