Außen hart und robust, innen eher weich.

FLÖTOTTO - Außen hart und robust, innen eher weich.
Raue Schale, weicher Kern und große Fenster. Gesamtschule Gießen-Ost.

Außen hart und robust, innen eher weich.


Ein Gespräch mit Architekt Prof. Ansgar Lamott über die Gesamtschule Gießen-Ost. Eine moderne, schützende Raumschale für ein offenes, anregendes und freies Lernmilieu.

Sofort ins Auge fallen die einzelnen Etagen mit ihren Lichthöfen, die ein wohnungsähnliches Gefühl vermitteln. Welchem Modell zur räumlichen Organisation entspricht die Gesamtschule in Gießen?

Bei der ersten Ortsbegehung der Ostschule zu Beginn des Wettbewerbs haben wir einen großen, veralteten Baubestand vorgefunden und ein Areal, in dem bereits jetzt ca. 1.500 Schülerinnen und Schüler Schule lernten. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt darüber hinaus eine Grundschule mit weiteren Schülerinnen und Schülern.

Über die Jahre war das Gebäude der GGO baulich gewachsen, mit vielen baulichen Mängeln wie Fluren als Sackgassen, zum großen Teil ohne Licht und Außenraumbezug usw. Hinter diesem Bestand lag allerdings eine Grundstruktur einzelner „Häuser“ vergraben, die wir wieder als architektonische Einheiten „freilegen“ wollten. Diese vorhandene Grundstruktur von drei alten Häusern wurde mit dem ersten Bauabschnitt zurückgebaut und wird weiter auf die drei neuen Lernhäuser übertragen. Zusammen werden ­diese am Ende sechs Häuser die Grundstruktur für die neue Schule bilden.

Diese Häusertypologie ist sowohl innen- wie außenräumlich lesbar und schafft angemessen große Gebäudeteile. Zwischen den Lernhäusern bilden „Gelenke“ die Raumverbindung zwischen den einzelnen Bausteinen. In den einzelnen Lernhäusern selbst sind die einzelnen Altersstufen bzw. Klassen/Kursstufen etagenweise sortiert. In einer Etage befinden sich die Klassenraumbereiche einer Klassenstufe als abschließbare Clustereinheit, jeweils mit einer Lehrerstation, einer kleinen „Lokalbibliothek“ und einer großzügigen offenen Lernlandschaft. Form, funktionale Ausgestaltung und Möblierung der Lernlandschaft orientieren sich dabei an den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Altersstufe.

Welche Aufgabenstellung hat Ihnen die Bau­­­­­herrenschaft gegeben und wie sind Sie mit der Schulfamilie ins Gespräch gekommen?

Die Aufgabenstellung zum Projekt „Sanierung, Umbau und Erweiterung der Gesamtschule Gießen-Ost“ war in der Auslobung zum europaweiten Wettbewerb detailliert beschrieben. Im Kern ging es darum, die bestehende Schule­ sehr umfangreich umzubauen und zu ver­größern, da im Bestand erhebliche Raumdefizite vorhanden waren.

Das Ziel war, die alte Flurschule zu einer modernen, offenen Schule umzugestalten, in der eine animierende Architektur die räumliche Umgebung für modernes Lernen gestaltet. Unter anderem sollten Mensa und Bibliothek neu gebaut werden, ausreichende Aufenthaltsflächen im Inneren, neue Klassen- und Fachklassenräume generiert werden. Die Klassenräume sollten keine Türen mehr haben. Alle Aspekte wurden in einem beispielhaften, partizipativen Prozess zwischen Bauherr, Nutzer und uns Architekten gemeinsam entwickelt.

FLÖTOTTO - Außen hart und robust, innen eher weich.
Lernraum in der Gesamtschule Gießen-Ost

Ihr Architekturbüro arbeitet mit Mitteln der Minimierung und Reduktion zur Fokussierung. Was macht die authentische und sinnlich-erlebbare Architektur in Gießen aus?

Minimalismus oder Reduktion sind für uns kein Selbstzweck. Da im zusehends komple­x­eren Planungsprozess die jeweiligen Pla­n­ungs­themen oder -disziplinen (Schallschutz/Brandschutz/Barrierefreiheit usw.) sich erfahrungsgemäß jeweils am wichtigsten nehmen, braucht es immer mehr so was wie eine „Raumregie“, ein starkes, prägendes Architekturkonzept, um nicht am Ende eine Addition von Einzelthemen zu generieren, son­dern einen Raum, der möglichst alle Themen bearbeitet.

Die Reduktion kann dann ein gutes Mittel sein, um hier eine angemessene Hierarchie zu erhalten und auch den Raum zu bieten für die Entfaltung der Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, dass wir Räume gestalten, die nicht nur in ihrer materiellen Umsetzung nachhaltig sind, sondern auch in ihrer Haltung, d. h. dass wir keine modisch kurzlebigen Antworten geben, sondern möglichst Räume, die auch langlebig und zeitlos sind. In Gießen ist die prägende Architekturidee: Außen eine moderne, schützende Raumschale zu schaffen, die die Hülle bildet für ein offenes, animierendes und freies Lernmilieu: Außen eher hart und robust, innen eher weich.

Im Äußeren haben wir die vorhandenen Ziegelfassaden der Nachbarschule neu auf­gegriffen und in moderne Ziegelfassaden umgesetzt. Im Inneren galt es die Räume so auszutarieren, dass die fixen Räume der Klassen und Kursräume den Rahmen bilden für die „Weichteile“ dazwischen: Die Lernland­­schaft, die Ankommenszonen, die Kommunikationsflächen sind großzügige und gestalterisch wenig festgelegte Bereiche usw.: Immer gestaltet als Rahmen für die individuelle Aneignung durch Selbstgestaltung. Soviel Raumgestaltung, dass hier keine Beliebigkeit entsteht. Insofern ist die Minimalisierung auch eine Haltungsfrage. Konkret: Alle fixen, bindenden Räume sind wie eine Raumschale um die „Mitte“ der Cluster geordnet.

Sie haben in einem frühen Baustadium die Firma FLÖTOTTO als Partner für den individuellen Innenausbau und die flexiblen Möbel angesprochen. Was war Ihre Intention und was ist dadurch Neues in der Zusammenarbeit entstanden?

Wir haben über die Jahre unserer Selbst­ständigkeit viele Schulen bauen dürfen. Nicht nur haben sich die Schulkonzepte gewandelt, auch die architektonischen Antworten sind sehr unterschiedlich. Oft werden die Räume allerdings sehr nach Schema F möbliert und wir Architekten haben keinen Einfluss auf die Möblierung, weil sie schlicht­weg aus anderen Budgets finanziert werden. Für dieses besondere Projekt in Gießen haben wir eine Firma gesucht, die gerade bei der Möblierung auf unsere Raumimpulse eingeht und sie mit entwickelt. Diesen Partner haben wir in FLÖTOTTO gefunden.

Nach welchen Kriterien finden Nutzungskonzept, architektonischer Raum und Möbel in solch komplexen Baukonzepten zusammen? Welche Anforderungen hatten Sie an die Möbel von FLÖTOTTO und wie wurden sie erfüllt?

Das Lerncluster ist als große Wohnung konzipiert, da die Kinder sich hier täglich aufhalten. Und wie Zuhause muss der Raum es leisten, zusammen mit passenden Möbeln den unterschiedlichen Atmosphären und Ansprüchen von Entspannung und Konzentration Rechnung zu tragen. Im „Offenen“ der Lernlandschaft überwiegt der kommunikative Aspekt, zum Entspannen oder auch zum Lernen. In den rückwärtigen Bereichen sind Zonen für konzentriertes Einzelarbeiten platziert, die Klassen dienen dem eher konzentrierten Lernen. Entsprechend passen sich die Möblierungen auf diese Situationen an. Zunächst ist der klassische Schulstuhl ein Stuhl mit Rollen, der eine einfache, geräuschlose Positionsveränderung im Raum zulässt. Für die Lernbereiche in der Mitte sind u. a. Sitzkissen vorhanden, die andere Sitzpositionen evozieren. Die unterschiedlichen Möbel von FLÖTOTTO gehen auf diese Ansprüche sehr gut ein.


Vielen Dank für das Interview.